Weinblog
Wein und Krieg: Eine Geschichte von Beute, Brücken und Belagerung
Was die Front übersteht
Beim deutsch-israelischen Weingipfel in Mainz, über den die F.A.Z. berichtete, ging es nicht um Politik, sondern um Verkostung – obwohl der Krieg die Winzer in Israel täglich beschäftigt. Genau dieser Kontrast ist alt: Wein und Krieg gehören seit Jahrtausenden zusammen, mal als Beute, mal als Trost, mal als Wirtschaftsfaktor, der mitten in der Schlacht weiterläuft. Kaum ein anderes Genussmittel taucht in militärischen Zusammenhängen so beharrlich auf.
Die Rebe als Wanderware der Eroberer
Wer Truppen über große Distanzen bewegt, verschiebt auch Geschmack, Anbaukultur und Rebmaterial. Der deutsche Weinbau ist dafür das beste Beispiel. Die eigentliche Durchsetzung brachten die Römer: Als sie mit ihren Legionen Straßen und Städte errichteten, brachten sie auch Rebstöcke in die Regionen entlang von Rhein und Mosel. An der Mosel pflanzten sie eine Sorte, die bis heute angebaut wird – den Elbling. Er gilt als eine der ältesten kultivierten Weißweinreben Deutschlands und war bis ins Mittelalter die häufigste deutsche Rebsorte. Was als logistischer Anhang einer Militärmacht begann, wurde zur Grundlage einer ganzen Weinlandschaft.
Noch deutlicher trägt eine andere Sorte den Krieg im Namen: der Heunisch. Die Bezeichnung leitet sich von „hunnisch“ ab, und tatsächlich rankt sich um sie eine Eroberungslegende. Der Rebsorte wird nachgesagt, dass die Hunnen sie im 10. Jahrhundert auf ihren Raubzügen mitgebracht haben. Die Forschung sieht das differenzierter. Gemeint ist nicht das Reitervolk der Völkerwanderungszeit, sondern das Volk der Ungarn und ihr Siedlungsgebiet in der pannonischen Ebene – wobei schon Philip Jacob Sachs 1661 schrieb, der Heunisch sei zu Beginn des 10. Jahrhunderts von den Hunnen oder Ungarn während ihrer Raubzüge nach Deutschland gebracht worden.
Ob durch Beutezug oder Migration: Die Sorte verbreitete sich enorm. Über 250 synonyme Bezeichnungen in verschiedenen Ländern und Sprachen bezeugen die weite Verbreitung des Heunischs. Im Mittelalter war er in Mitteleuropa bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die wichtigste Weißweinsorte, vor allem wegen seines hohen Ertrags und des späten Austriebs, der ihn auch in Spätfrostjahren ertragssicher machte. Geschmacklich war das kein Triumph – der Wein gilt als dünn, extraktarm und säurereich. Trotzdem ist sein genetisches Erbe gewaltig: Genanalysen ergaben, dass 119 der heute bekannten Rebsorten nachweislich vom Heunisch abstammen, darunter durch natürliche Kreuzung Chardonnay und Riesling.
Wein als Tauschmittel, Steuer und Trinkwasserersatz
Der Heunisch zeigt auch, warum Wein in unsicheren Zeiten so wichtig war. Hohe Erträge der Massensorten waren im Mittelalter wegen der Zehntabgaben an den Landesherren erforderlich – Wein war also Steuerleistung. Und er hatte eine handfeste hygienische Funktion: Wein mit ausreichendem Alkoholgehalt, hohem pH-Wert und sicherem Ertrag war ein wichtiges Mittel, um Trinkwasser von Keimen zu befreien und trinkbar zu machen. Eine belagerte Stadt, ein marschierendes Heer, ein Lager hinter der Front: Wer keinen sicheren Wasserzugang hatte, griff zum Wein. Genuss und Versorgung waren dasselbe.
Die Champagne: Weinlese unter Granatfeuer
Wie eng Weinbau und Kriegsgeschehen verzahnt sein können, führt kaum eine Region drastischer vor als die Champagne. Sie geriet 1914 schnell in die Frontlinie zwischen den deutschen und alliierten Armeen und befand sich danach vier Jahre lang mitten in einem blutigen Zermürbungskrieg. Das Weinland wurde zum Schlachtfeld – der Argonner Wald war Schauplatz schwerster Auseinandersetzungen, und Reims wurde systematisch bombardiert und in Trümmer gelegt, bei Kriegsende waren 80 Prozent der Stadt zerstört.
Und doch lief die Weinproduktion weiter. Während Frankreichs Männer im Kampf waren, mussten sich vorwiegend Frauen und Kinder um die Weinernte und die Kellerarbeit kümmern. Die tiefen Kreidekeller dienten dabei zugleich als Schutzräume. In der Champagne lobt man heute die Weinlese 1914 als die heroischste des 20. Jahrhunderts, weil sie unter sehr schwierigen Bedingungen durchgeführt wurde. Am Ende des Krieges war die Champagne ein Feld der Ruinen, übersät von Millionen Granatlöchern und durchzogen von Schützengräben. Dass aus dieser Landschaft heute ein Synonym für Festlichkeit wurde, gehört zu den größeren Volten der Weingeschichte.
Die Golanhöhen: Weinberge als Folge einer Eroberung
Auch der aktuelle israelische Weinbau, um den es in Mainz ging, hat seinen Ursprung in einem Krieg. Die Golanhöhen sind ein umstrittenes Plateau, das Israel im Sechstagekrieg 1967 besetzte. Der Weinbau folgte der militärischen Kontrolle: Nach dem Sechstagekrieg kamen Forscher auf die Idee, dass sich der vulkanische Boden der Golanhöhen gut für den Weinanbau eignet; 1976 wurden die ersten Trauben angepflanzt, 1983 entstand die Golan Heights Winery bei Katzrin. Eroberung und Rebpflanzung gehen hier unmittelbar ineinander über.
Die völkerrechtliche Lage bleibt heikel und schlägt bis ins Etikett durch: Aufgrund einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs dürfen Weine aus den besetzten Gebieten nicht mehr als „Made in Israel“ bezeichnet werden. Wein wird so zum Träger eines politischen Konflikts – ein Schluck, an dem Grenzfragen hängen.
Brücken trotz allem
Bemerkenswert ist, dass Wein zugleich verbindet, was Krieg trennt. Teilnehmer einer deutsch-israelischen Weinreise berichteten, sie hätten mit Distanz gerechnet und stattdessen herzlichen Empfang erlebt – und zogen das Fazit, dass Herzensangelegenheiten wie der Wein Brücken bauen können. Das ist kein Widerspruch zur Beutegeschichte des Weins, sondern ihre Kehrseite. Dieselbe Flasche, die als Kriegsbeute über Grenzen wanderte, sitzt am Verhandlungstisch und beim Versöhnungsessen.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund für die Omnipräsenz des Weins im Krieg. Er ist Versorgung und Symbol zugleich, Steuer und Statusobjekt, Trophäe und Geschenk. Wer eine Region erobert, erobert auch ihre Reben – und wer Frieden sucht, schenkt ein. Zwischen diesen beiden Gesten liegt fast die ganze Geschichte des europäischen Weinbaus.
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Häufige Fragen
Woher kommt der Name der Rebsorte Heunisch?
Der Name leitet sich von „hunnisch“ ab. Gemeint ist allerdings weniger das Reitervolk der Völkerwanderung als das Volk der Ungarn in der pannonischen Ebene, deren Raubzüge die Sorte im 10. Jahrhundert nach Deutschland gebracht haben sollen.
Welche Rebsorten brachten die Römer nach Deutschland?
Die Römer brachten mit ihren Legionen Rebstöcke an Rhein und Mosel. An der Mosel pflanzten sie den Elbling, eine der ältesten kultivierten Weißweinreben Deutschlands, die bis ins Mittelalter die häufigste Rebsorte des Landes war.
Warum trank man früher Wein statt Wasser?
Wein mit ausreichendem Alkoholgehalt half, keimbelastetes Trinkwasser trinkbar zu machen. In belagerten Städten und marschierenden Heeren ohne sicheren Wasserzugang war Wein damit zugleich Genussmittel und hygienische Versorgung.
Warum dürfen Weine von den Golanhöhen nicht „Made in Israel“ heißen?
Die Golanhöhen wurden 1967 von Israel besetzt und sind völkerrechtlich umstritten. Aufgrund einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs dürfen Weine aus diesen Gebieten nicht mehr als „Made in Israel“ bezeichnet werden.
Was geschah mit dem Weinbau in der Champagne im Ersten Weltkrieg?
Die Champagne lag vier Jahre lang an der Front, Reims wurde zu 80 Prozent zerstört. Dennoch lief die Weinproduktion weiter, vor allem durch Frauen und Kinder; die tiefen Kreidekeller dienten zugleich als Schutzräume.