Weinblog
Giacomo Tachis: Der stille Mann hinter den Supertoskanern
Ein Name, den kaum jemand kennt – auf den Etiketten, die alle kennen
Wer Sassicaia, Tignanello oder Solaia bestellt, kauft Weine, deren Ruf längst eigene Wege geht. Auf den Flaschen steht der Name des Guts, des Marchese, der Familie. Der Mann, der diese Weine konzipierte, taucht dort nicht auf. Giacomo Tachis arbeitete drei Jahrzehnte im Hintergrund und blieb für die breite Öffentlichkeit eine Randfigur – obwohl sein Einfluss auf den italienischen Weinbau schwer zu überschätzen ist. Die Enzyklopädie Treccani nennt ihn schlicht „den Architekten der italienischen önologischen Renaissance“.
Vom Piemont in die Toskana
Tachis war kein Toskaner. Geboren wurde er am 4. November 1933 in Poirino bei Turin, 1954 schloss er die Önologieschule von Alba ab, und 1961 holte ihn Antinori als jungen Önologen in seine Keller in San Casciano in Val di Pesa. Vor seinem Wechsel nach Florenz arbeitete er für lokale Weingüter und Brennereien im Raum Bologna – ein eher unscheinbarer Start für jemanden, der später als „König der Önologen“ tituliert wurde.
Wie er selbst zu seinem Ruhm stand, zeigt eine Eigenbezeichnung, die fast trotzig bescheiden klingt: Er nannte sich scherzhaft einen „mescolavino“, einen Weinverrührer. Das passt zu einem Mann, der sich lieber im Keller als im Rampenlicht aufhielt.
Die Ausgangslage: Toskana am Boden
Um zu verstehen, was Tachis leistete, muss man sich die Lage Anfang der 1960er Jahre vor Augen führen. Sie war alles andere als glanzvoll. Hochertragsklone des Sangiovese, an falschen Standorten und in zu geringer Dichte gepflanzt, kombiniert mit unhygienischen Kellerpraktiken und alten, schmutzigen Fässern, ergaben Weine von schlechter Qualität. Die Toskana stand für billigen Chianti in Bastflaschen, nicht für Großes.
Der Wendepunkt kam mit personeller Verstärkung: Als Piero Antinori 1966 ins Unternehmen eintrat, machten er und Tachis sich gemeinsam daran, die Qualität zu heben. Tachis orientierte sich an Bordeaux und an Émile Peynaud, dem führenden Önologen jener Zeit. Peynaud war kein Zufall – die Verbindung nach Frankreich prägte Tachis‘ gesamte Arbeitsweise.
Sassicaia: korrigiert, nicht erfunden
Die populäre Erzählung macht Tachis zum „Erfinder“ des Sassicaia. Genau genommen stimmt das nicht ganz, und gerade hier wird die Frage „Angestellter oder Schöpfer?“ interessant. Den Bordeaux-Verschnitt hatte Mario Incisa della Rocchetta bereits 1944 auf seinem Gut in Bolgheri angelegt; Tachis verfeinerte ihn. Antinori war mit den della Rocchettas verwandt, und so kam Tachis 1968 ins Spiel.
Was er dann tat, war handwerkliche Meisterschaft. Die erste Version, der Jahrgang 1968, entstand laut Tachis durch Verschnitt der Jahrgänge 1966, 1967 und 1968, um überhaupt mindestens sechstausend Flaschen zu erhalten. Die internationale Weihe folgte später: Bei einer Blindverkostung in London landete der Sassicaia 1972 unter den besten Weinen der Welt. Aus einem privaten Hofwein war eine Ikone geworden.
Tignanello und Solaia: der eigentliche Bruch mit der Tradition
Beim Tignanello war Tachis dichter an der reinen Schöpfung. 1970 entstand der Tignanello als erster toskanischer Rotwein ohne weiße Trauben, ein Verschnitt aus rund 80 Prozent Sangiovese und 20 Prozent Cabernet Sauvignon, ausgebaut in französischer Barrique. Das mag heute banal klingen, war damals aber ein klarer Verstoß gegen die geltenden Regeln: Das Chianti-Reglement schrieb den Zusatz weißer Trauben vor.
Der Solaia drehte die Idee um. 1978 produzierten Tachis und Antinori mit dem Solaia denselben Rebsorten-Ansatz, jedoch mit umgekehrtem Verhältnis: 20 Prozent Sangiovese und 80 Prozent Cabernet Sauvignon. Diese Weine, zusammen mit Ornellaia, lösten den Trend aus, der bald einen eigenen Namen bekam – Supertuscan.
Die Werkzeuge der Revolution
Tachis‘ Einfluss lag weniger im einzelnen Wein als in der Methode. Als unermüdlicher Experimentator führte er die malolaktische Gärung und den Ausbau in Barriques statt in großen Fässern ein und setzte sich damit über das Reglement des Chianti Classico hinweg. Sein Eingriff reichte bis in den Weinberg: Er veränderte die Rebbewirtschaftung, ermutigte zu temperaturkontrollierter Gärung und empfahl südausgerichtete Pflanzungen.
Hinter der Technik stand eine klare Haltung. Der Kern seiner Philosophie war, dass der Winzer „den Gaumen des Konsumenten respektieren“ müsse – nicht doktrinär anti-traditionalistisch, sondern im Sinne von Qualität. Die Leitfrage lautete stets: Wie produziert man Spitzenweine für den heutigen Markt aus den Trauben, dem Klima und den Bedingungen der Toskana?
Über die Toskana hinaus
Wer Tachis nur mit Bolgheri und dem Chianti verbindet, unterschätzt seine Reichweite. Er beriet die sardischen Erzeuger Argiolas und Santadi; die Genossenschaft Santadi sah ihre Qualität steigen, und ihr Terre Brune aus der lokalen Carignano-Traube, ausgebaut in neuer französischer Barrique, wurde zum sofortigen Erfolg. Auf Sardinien entstand mit dem Turriga ein weiterer Referenzwein, in Südtirol bzw. dem Trentino der San Leonardo.
Sein Spätwerk berührte zahlreiche Regionen Italiens. Er befasste sich mit sardischem Vermentino und Carignano del Sulcis, sizilianischem Nero d’Avola, Inzolia, Catarratto und Grillo sowie mit piemontesischer Barbera und Nebbiolo.
Warum bleibt er im Schatten?
Die Antwort liegt teils im Beruf, teils im Charakter. Ein Önologe arbeitet für andere; der Ruhm fällt dem Gut und seinem Besitzer zu. Tachis stand 32 Jahre als Direktor der Cantine Antinori in fremden Diensten – als Gestalter, nicht als Namensgeber. Dazu kam eine zurückgezogene Art: 2010 hörte er auf, sich mit Wein zu beschäftigen, und widmete sich in seinem Haus in San Casciano Val di Pesa seiner Leidenschaft als Bibliophiler und der Pflege alter Bücher.
Die Fachwelt hat ihn dennoch erkannt. 2011 wurde er von der Zeitschrift Decanter zum Man of the Year ernannt, für seinen Beitrag zum italienischen und besonders zum toskanischen Wein des 20. Jahrhunderts. Jancis Robinson formulierte es zugespitzt: Tachis habe den Stil des italienischen Weins verändert und ihn „strampelnd und schreiend“ ins 20. Jahrhundert gezerrt.
Visionär oder Wegbereiter?
Die Frage ist falsch gestellt, weil beides zutrifft. Tachis erfand nicht jeden Wein von Grund auf – beim Sassicaia korrigierte und verfeinerte er eine fremde Idee, beim Tignanello war er näher am Ursprung. Sein eigentliches Verdienst ist struktureller Natur. Er übernahm ein weitgehend ruiniertes weinbauliches und önologisches System und erweckte es zu neuem Leben, gab ihm eine Grundlage, auf der die heutige Höhe aufbauen konnte. Als Piero Antinori über ihn sprach, fasste er es nüchtern zusammen: Tachis sei „wirklich maßgeblich für die Entwicklung nicht nur der toskanischen, sondern der italienischen Weine“ gewesen.
Wer heute einen modernen, präzise gemachten italienischen Rotwein im Glas hat, trinkt ein Stück seiner Arbeit – auch wenn sein Name nirgends auf dem Etikett steht.
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Häufige Fragen
Wer war Giacomo Tachis?
Giacomo Tachis (1933–2016) war ein italienischer Önologe, der drei Jahrzehnte für Antinori arbeitete und als Architekt der italienischen önologischen Renaissance gilt. Er prägte Weine wie Sassicaia, Tignanello und Solaia.
Hat Giacomo Tachis den Sassicaia erfunden?
Nein, den Bordeaux-Verschnitt legte Mario Incisa della Rocchetta bereits 1944 in Bolgheri an. Tachis verfeinerte den Wein ab 1968 und machte ihn zur international gefeierten Ikone.
Was ist ein Supertuscan?
Supertuscan bezeichnet hochwertige toskanische Rotweine, die – oft mit internationalen Rebsorten wie Cabernet Sauvignon und Barrique-Ausbau – außerhalb der traditionellen DOC-Regeln entstanden. Tignanello und Solaia gelten als Pioniere.
Was machte den Tignanello revolutionär?
Der Tignanello war 1970 der erste toskanische Rotwein ohne weiße Trauben, ein Verschnitt aus rund 80 Prozent Sangiovese und 20 Prozent Cabernet Sauvignon im Barrique – ein Bruch mit dem damaligen Chianti-Reglement.
In welchen Regionen war Tachis außerhalb der Toskana tätig?
Tachis beriet Erzeuger auf Sardinien (Santadi, Argiolas, Turriga), im Trentino (San Leonardo) sowie auf Sizilien und im Piemont und arbeitete mit zahlreichen autochthonen Rebsorten.