Weinblog
Santadi und Col d’Orcia: Authentisches Italien auf großer Bühne

Zwei Weingüter, eine Haltung
Ende Mai 2025 stand das italienische Weinjahr in Shanghai im Zeichen einer Veranstaltung, über die in der Branche noch lange gesprochen werden dürfte. VINO100/Ian D’Agata 100 Selected Italian Wines 2025 versammelte über fünfzig hochkarätige Weingüter, die ihre Weine vor mehr als 700 Besuchern ausschenkten — fast alle vertreten durch Inhaber, Kellermeister oder Exportverantwortliche in Person. Mitten in diesem Aufgebot: zwei Betriebe, die wir bei vinothekar.de selbst verkostet haben und im Sortiment führen — die Cantina di Santadi aus Sardinien und Col d’Orcia aus dem Herzen Montalcinos.
Beide gehörten in Shanghai zu jenen Gütern, die schon vor dem eigentlichen Show-Tag in kleineren Sessions zu sehen waren: Santadi und Col d’Orcia traten in der Woche davor in Shanghaier Weingeschäften im Format „Meet the Producer“ auf, vor jeweils 20 bis 30 Weininteressierten. Kleine Runden, in denen sich erklären lässt, warum diese Weine so schmecken, wie sie schmecken. Genau das macht ihren Reiz aus: Es sind keine anonymen Produkte, sondern Weine mit Herkunft und Geschichte.
Santadi: Wie ein vergessener Süden zur Weltklasse wurde
Die Cantina di Santadi liegt im Sulcis, dem Südwesten Sardiniens, nur wenige Kilometer von den weißen Dünen von Porto Pino entfernt. Gegründet wurde sie 1960 — und das ist die erste Überraschung für viele: Santadi ist eine Genossenschaft. Heute zählt sie mehr als 200 Mitglieder und gilt damit als eine der erfolgreichsten Genossenschaftskellereien Italiens — ein Beweis, dass Spitzenqualität nicht zwangsläufig den großen Einzelgütern vorbehalten ist.
Den entscheidenden Wendepunkt brachte der Mann, dessen Namen man als Liebhaber italienischer Weine kennen muss: Giacomo Tachis. Tachis gilt als Erfinder der Supertuscans — er war der Önologe hinter Sassicaia und Tignanello, also hinter den Weinen, die das Bild des modernen Italien geprägt haben. In den frühen 1980er-Jahren holte Präsident Antonello Pilloni ihn als Berater nach Santadi.
Was Tachis mitbrachte, war kein Rezept, sondern ein Blick. Er erkannte im Carignano del Sulcis eine seltene Größe, die andere nicht sahen, und setzte ein klares Prinzip durch: Der Wein entsteht zuerst im Weinberg. Niedrigere Erträge, strenge Traubenselektion, der richtige Lesezeitpunkt, präzisere Vinifikation — und ein bewusster Einsatz der Barrique als Werkzeug, nicht als Stil-Signatur. 1984 entstand daraus Terre Brune, der erste große, in Barriques gereifte Rotwein Sardiniens, der die Wahrnehmung der Inselweine in Italien und weltweit veränderte.
Besonders bemerkenswert ist die Grundlage, auf der dieser Wein wächst. Der Carignano im Sulcis steht oft auf wurzelechten Reben — also auf Stöcken, die nie veredelt wurden. Möglich macht das der sandige Boden, der die Reblaus nicht an die Wurzeln lässt. Diese teils jahrhundertealten, im Buschbaum-System (alberello) erzogenen Reben liefern Trauben von natürlicher Konzentration und einer Persönlichkeit, die anderswo kaum reproduzierbar ist. Wer Terre Brune oder den zugänglicheren Rocca Rubia im Glas hat, schmeckt diese mediterrane Tiefe: dunkle Frucht, Macchia, balsamische und würzige Noten, dazu seidige Tannine.
Die Verbindung zwischen Tachis und Santadi hielt über dreißig Jahre. Sein Erbe lebt heute unter der Aufsicht von Giorgio Marone weiter — ein Schüler und Kollege von Tachis. Tradition, die zeitgemäß bleibt, ohne sich selbst zu verleugnen.
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Col d’Orcia: Der Graf, der sich als Bauer versteht
Ortswechsel in die Toskana, an den Südhang von Montalcino. Der Name bedeutet „Hügel, der auf den Fluss Orcia blickt“ — und das Familienunternehmen dahinter trägt einen klangvollen Namen: Graf Francesco Marone Cinzano, dessen Familie ursprünglich aus der piemontesischen Likörproduktion stammt. Die Cinzanos erwarben das Gut 1973 von der Florentiner Familie Franceschi. Seit 1992 steht Francesco an der Spitze.
Cinzano hat die Rebfläche schrittweise auf rund 140 Hektar erweitert, davon etwa 108 Hektar Brunello-Lagen — damit ist Col d’Orcia einer der größten Brunello-Erzeuger Montalcinos. Doch seine eigene Selbstbeschreibung ist eine andere. Er und seine Familie sehen sich nicht als Winzer, sondern als Bauern: „Wir ernten die Trauben, und der Wein ist die Folge davon.“
Dieser Satz ist mehr als Bescheidenheit. Cinzano begann 2010 mit der Umstellung des gesamten Anwesens auf biologischen Anbau; seit 2013 ist Col d’Orcia zertifiziert und gilt als einer der größten biologischen Weinbaubetriebe der Toskana. Bio sind dabei nicht nur die Reben, sondern die ganze Tenuta — Olivenhaine, Getreidefelder, Gärten und Parks. Schafe und Ziegen weiden zwischen den Reben, es gibt Bienenstöcke und natürliche Trüffelfelder, die als Indikator für Nachhaltigkeit dienen. 2025 wurde Col d’Orcia vom Wine Enthusiast als Environmental Advocate of the Year ausgezeichnet.
Beim Wein selbst bleibt Cinzano klassisch. Der Brunello reift in großen Fässern aus slawonischer und französischer Eiche — eine Methode, die auf die Anfänge der Appellation zurückgeht. Bemerkenswert ist seine Haltung zu den langen Reifezeiten: Auf die Frage, ob man sie verkürzen solle, antwortet er entschieden mit Nein. Und seine Philosophie passt zu Santadi mehr, als die geografische Distanz vermuten lässt — der Wein gehört für ihn auf den Esstisch, getrunken zum Essen.
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Warum diese beiden Weine zusammengehören
Sardinien und die Toskana, Carignano und Sangiovese, Genossenschaft und Familienbetrieb — auf den ersten Blick verbindet Santadi und Col d’Orcia wenig. Auf den zweiten Blick teilen sie eine Grundüberzeugung: Der Wein entsteht im Weinberg, das Terroir wird interpretiert, nicht überformt. Beide arbeiten mit Reben, die tief in ihrem Boden verankert sind — wurzelechter Carignano auf sardischem Sand, Sangiovese auf den kalk- und mergelreichen Hängen unter dem Monte Amiata. Beide haben aus einer Region, die einmal als Randlage galt, internationale Klasse gemacht.
Dass beide in Shanghai vor Publikum standen, ist kein Zufall. Es sind Weine, die eine Geschichte erzählen — und Menschen dahinter, die sie erklären können. Genau solche Flaschen führen wir bei vinothekar.de gerne im Sortiment, weil sie zeigen, was authentisches Italien meint: keine Inszenierung, sondern Herkunft, die man schmeckt. Wer die Weine von Santadi und Col d’Orcia kennenlernen möchte, findet sie bei uns — und mit ihnen ein gutes Stück italienischer Weingeschichte.
Mehr dazu: Weingeschichte Italien
Mehr dazu: die Wertigkeit der italienischen autochthonen Rebsorten
Mehr dazu: Weingut Collosorbo
Häufige Fragen
Was ist Carignano del Sulcis?
Carignano del Sulcis ist ein kräftiger Rotwein aus dem Südwesten Sardiniens, der aus der Rebsorte Carignano gewonnen wird. Die Reben stehen dort oft wurzelecht auf sandigem Boden und liefern Weine mit dunkler Frucht, balsamischen Noten und seidigen Tanninen.
Wer war Giacomo Tachis?
Giacomo Tachis war einer der einflussreichsten italienischen Önologen und gilt als Erfinder der Supertuscans, darunter Sassicaia und Tignanello. Ab den frühen 1980er-Jahren beriet er die Cantina di Santadi und schuf 1984 mit Terre Brune den ersten großen barriquegereiften Rotwein Sardiniens.
Ist Col d’Orcia ein Bio-Weingut?
Ja. Col d’Orcia begann 2010 mit der Umstellung auf biologischen Anbau und ist seit 2013 zertifiziert. Damit zählt das Gut zu den größten biologischen Weinbaubetrieben der Toskana und wurde 2025 vom Wine Enthusiast als Environmental Advocate of the Year ausgezeichnet.
Was bedeutet wurzelecht beim Wein?
Wurzelecht bedeutet, dass die Reben auf ihren eigenen, nicht veredelten Wurzeln wachsen. Im Sulcis ist dies möglich, weil der sandige Boden die Reblaus von den Wurzeln fernhält – so überstehen teils jahrhundertealte Carignano-Reben.
Worin unterscheiden sich Santadi und Col d’Orcia?
Santadi ist eine sardische Genossenschaft mit über 200 Mitgliedern und setzt auf Carignano, während Col d’Orcia ein toskanischer Familienbetrieb mit Brunello aus Sangiovese ist. Beide teilen jedoch die Überzeugung, dass guter Wein im Weinberg entsteht und das Terroir ehrlich abbildet.