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Rosinieren statt Reifen: Wie Appassimento den Wein verändert
Getrocknete statt frisch gekelterter Trauben – dieses Verfahren prägt Amarone und seine Verwandten und erklärt, warum diese Weine so kraftvoll und konzentriert schmecken.
Ein Wein, der nach getrockneten statt nach frischen Trauben schmeckt, entsteht nicht durch Zufall, sondern durch ein Verfahren, das in Venetien seit Jahrhunderten Tradition hat: die Appassimento-Methode. Sie verwandelt reife, gesunde Trauben in eine Art Rosinen, bevor überhaupt gepresst wird, und erklärt, warum Weine wie Amarone della Valpolicella so viel dichter, süßer in der Aromatik und alkoholreicher wirken als vergleichbare Rotweine aus derselben Region.
Vom frischen Trauben zur Rosine
Nach der Lese im Herbst werden die für Appassimento bestimmten Trauben nicht sofort gekeltert. Stattdessen legt man sie auf Bambushorden, Holzkisten oder in speziell klimatisierten Trockenräumen ab, wo sie über Wochen bis Monate langsam Wasser verlieren. Traditionell geschah dies in gut belüfteten Dachböden, den sogenannten fruttai, wo kühle, trockene Winterluft den Prozess unterstützte. Moderne Betriebe steuern Temperatur und Luftfeuchtigkeit heute oft technisch, um Schimmelbildung zu vermeiden und ein gleichmäßiges Ergebnis zu erzielen.
Während des Trocknens verdunstet ein erheblicher Teil des in den Beeren enthaltenen Wassers, während Zucker, Säure und Aromastoffe zurückbleiben und sich dadurch konzentrieren. Gleichzeitig laufen leichte oxidative Prozesse ab, die den Trauben Noten von Trockenfrüchten, Feigen oder Datteln verleihen. Erst wenn der gewünschte Trocknungsgrad erreicht ist, werden die Trauben gepresst und die Gärung beginnt.
Warum das Verfahren den Wein so kraftvoll macht
Der höhere Zuckergehalt getrockneter Trauben führt bei vollständiger Vergärung zu einem deutlich höheren Alkoholgehalt, als ihn frisch gepresste Trauben ergeben würden. Amarone erreicht so typischerweise Werte zwischen 15 und 17 Volumenprozent. Zugleich verändert sich die Aromatik grundlegend: Statt frischer, roter Frucht dominieren nach dem Trocknen Noten von Dörrpflaumen, Kirschkonfitüre, Rosinen oder Schokolade, oft begleitet von würzigen und leicht balsamischen Tönen.
Auch die Textur wandelt sich. Durch die Konzentration wirken diese Weine dichter und vollmundiger, die Tannine erscheinen oft weicher eingebunden, weil sie in einem kräftigeren, extraktreicheren Gesamtgefüge eingebettet sind. Das Ergebnis ist ein Rotwein, der sich deutlich von leichteren, fruchtbetonten Stilen unterscheidet und meist für einen längeren Ausbau in Holzfässern gedacht ist, in denen sich Aromen weiter verfeinern.
Amarone, Recioto und der schmale Grat dazwischen
Im Valpolicella-Gebiet ist Appassimento eng mit zwei Weinstilen verbunden, die aus denselben Rebsorten – vor allem Corvina, Rondinella und Corvinone – entstehen, sich aber im Ausbau unterscheiden. Recioto della Valpolicella ist ein süßer Wein, bei dem die Gärung gestoppt wird, bevor der gesamte Traubenzucker in Alkohol umgewandelt ist. Amarone della Valpolicella dagegen wird vollständig durchgegoren und ist daher trocken, auch wenn die ursprüngliche Süße der getrockneten Trauben im Duft und im vollmundigen Körper noch nachklingt.
Diese Nähe zwischen süßem und trockenem Stil erklärt auch, warum manche Amarone-Weine im Antrunk eine gewisse Fülle und Weichheit zeigen, die man bei rein trockenen Rotweinen sonst selten findet. Es handelt sich nicht um Restsüße, sondern um das Zusammenspiel aus Alkohol, Extrakt und der besonderen Aromatik getrockneter Trauben.
Stilistische Bandbreite innerhalb der Appellation
Auch innerhalb der Amarone-Kategorie gibt es spürbare Unterschiede, die sich aus Rebsortenanteilen, Trocknungsdauer und Ausbau ergeben. Manche Erzeuger setzen auf die klassischen Sorten Corvina, Rondinella und Corvinone, andere ergänzen mit Oseleta oder Croatina, was der Struktur mehr Farbe und Würze verleihen kann. Auch die Dauer des Fassausbaus variiert und beeinflusst, wie stark sich Röstaromen, Tabak- oder Gewürznoten mit der ursprünglichen Trockenfruchtaromatik verbinden.
Diese Bandbreite zeigt, dass Appassimento kein starres Rezept ist, sondern ein Verfahren, das je nach Betrieb, Lage und Traditionsverständnis zu unterschiedlichen, aber stets wiedererkennbaren Ergebnissen führt. Gemeinsam bleibt allen Amarone-Weinen die Konzentration, die nur durch das Trocknen der Trauben erreichbar ist.
Aus dem Sortiment
Wie unterschiedlich Appassimento in der Praxis ausfallen kann, zeigt sich im Vergleich mehrerer Amarone-Weine aus dem Sortiment. Der Quintarelli Amarone Classico DOCG steht mit seiner komplexen Aromatik aus getrockneten dunklen Früchten und Gewürzen für einen besonders vielschichtigen, traditionell geprägten Stil. Der Ca' dei Frati Amarone della Valpolicella DOCG „Pietro dal Cero“ zeigt mit Noten von getrockneten Pflaumen und Schokolade eine ähnlich kraftvolle Richtung. Der Pieropan Amarone di Valpolicella Riserva „Vigna Garzon“ verbindet Fruchtbetontheit mit frischerem Abgang, während der Pasqua Amarone della Valpolicella DOCG Blacklabel mit Amarena-Kirschen und dunkler Schokolade die typische Balance aus Frucht und Würze veranschaulicht.
Häufige Fragen
Was bedeutet Appassimento genau?
Appassimento bezeichnet das Trocknen frisch gelesener Trauben über mehrere Wochen bis Monate, meist auf Horden oder in Kisten in belüfteten Räumen. Dabei verdunstet Wasser aus den Beeren, Zucker und Aromen konzentrieren sich, und es kommt zu leichten oxidativen Reifeprozessen. Erst nach dieser Trocknung werden die Trauben gepresst und vergoren.
Warum hat Amarone so viel Alkohol?
Durch das Trocknen steigt der Zuckergehalt der Trauben deutlich an, da Wasser verdunstet, während Zucker in den Beeren verbleibt. Bei der Vergärung wird dieser Zucker nahezu vollständig zu Alkohol umgesetzt, was zu den für Amarone typischen 15 bis 17 Volumenprozent führt.
Was unterscheidet Amarone von Recioto della Valpolicella?
Beide Weine durchlaufen dasselbe Trocknungsverfahren und stammen aus denselben Rebsorten, doch bei Recioto wird die Gärung gestoppt, bevor der gesamte Zucker umgesetzt ist. Dadurch bleibt Restsüße erhalten, während Amarone durchgegoren und trocken ausgebaut wird.
Ist Appassimento nur in Venetien üblich?
Nein, das Verfahren hat seinen historischen Schwerpunkt in Venetien, wird inzwischen aber auch in anderen italienischen Regionen und darüber hinaus angewendet, meist unter der Bezeichnung Appassimento auf dem Etikett. Der Ursprung und die strengste Auslegung der Methode liegen jedoch weiterhin im Valpolicella-Gebiet.
Ein Beitrag aus dem Weinkeller von Vinothekar.de. Fragen zu einem Wein? Wir beraten Sie gern persönlich.


