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Aglianico: die „Barolo des Südens“ aus Kampanien und Basilikata
Kraftvoll, tanninreich und alterungsfähig: Aglianico gilt als eine der bedeutendsten autochthonen Rotweinsorten Süditaliens und wird oft mit Nebbiolo verglichen.
Kaum eine süditalienische Rebsorte genießt international so viel Respekt wie Aglianico. Sie liefert Rotweine von beachtlicher Struktur, mit festen Tanninen, kräftiger Säure und einem Reifepotenzial, das sie in eine Reihe mit den großen Rotweinen Norditaliens stellt. Dieser Ruf hat ihr den inoffiziellen Beinamen „Barolo des Südens“ eingebracht – ein Vergleich, der auf die Stilistik zielt, nicht auf Herkunft oder Traube, denn mit Nebbiolo ist Aglianico botanisch nicht verwandt.
Herkunft: zwischen Vulkanboden und antiker Tradition
Aglianico zählt zu den ältesten Rebsorten Italiens. Ihr Name wird häufig auf das lateinische „Hellenicus“ zurückgeführt, was auf griechische Wurzeln hindeutet – griechische Siedler brachten Weinbau schon in vorrömischer Zeit in den Süden der Apenninhalbinsel. Heute konzentriert sich der Anbau vor allem auf zwei Regionen: Kampanien mit dem Herzstück Taurasi sowie die Basilikata rund um den erloschenen Vulkan Monte Vulture. Vulkanische Böden spielen für die Sorte eine zentrale Rolle. Sie sind mineralstoffreich, gut durchlässig und speichern Wärme, was der spät reifenden Traube zugutekommt. Aglianico wird oft erst im Oktober oder sogar noch später gelesen, deutlich nach den meisten anderen Rotweinsorten Italiens.
Charakter im Glas: Tannin, Säure und dunkle Frucht
Typisch für Aglianico ist ein kräftiges Tanningerüst, das dem Wein Struktur und Langlebigkeit verleiht. Hinzu kommt eine lebendige Säure, die selbst kräftige, körperreiche Ausbauten nicht schwerfällig wirken lässt. Aromatisch dominieren dunkle Früchte wie Kirschen und Pflaumen, häufig begleitet von würzigen Noten, Tabak, Gewürznelke oder Veilchen. Diese Kombination aus Kraft, Säure und komplexer Aromatik erklärt, warum die Sorte so gut mit langem Holzausbau harmoniert und warum ihre besten Vertreter erst nach Jahren der Flaschenreife ihr volles Potenzial entfalten.
Taurasi und weitere Herkunftsbezeichnungen
Innerhalb Kampaniens gilt Taurasi als die renommierteste Appellation für Aglianico und trägt den Status DOCG, die höchste italienische Qualitätsstufe. Weine aus dieser Zone zeigen häufig die konzentrierteste und langlebigste Ausprägung der Sorte. Daneben existieren weitere Herkünfte wie Aglianico del Taburno, ebenfalls DOCG, sowie breiter gefasste Bezeichnungen wie Aglianico del Beneventano oder einfache Aglianico DOC-Abfüllungen, die meist zugänglicher und früher trinkreif sind. Auch außerhalb Kampaniens, etwa in Apulien, wird die Sorte angebaut und liefert dort eigenständige Interpretationen mit vergleichbarer Fülle und Würze.
Stilbandbreite: vom Alltagswein bis zum Lagerwein
Die Bandbreite innerhalb der Sorte ist groß. Auf der einen Seite stehen Weine, die auf Frucht und mittlere Struktur setzen und relativ jung getrunken werden können. Sie zeigen dennoch die charakteristische Kombination aus dunklen Beeren, würzigen Nuancen und spürbarer, aber zugänglicher Tanninpräsenz. Auf der anderen Seite stehen ambitionierte Erzeugungen mit längerem Fassausbau, die auf Lagerfähigkeit angelegt sind. Diese Weine wirken jung oft noch straff und benötigen Zeit, um ihre Tannine zu integrieren und die volle Aromenvielfalt aus reifer dunkler Frucht, Gewürzen und holzbedingten Nuancen wie Zedernholz zu entfalten.
Aus dem Sortiment
Die Vielfalt der Sorte lässt sich im Sortiment gut nachvollziehen: Der Taurasi Puro Sangue von Luigi Tecce und der Taurasi DOCG von Pietracupa repräsentieren die strukturierte, alterungsfähige Spitze der Appellation, während der Aglianico DOC Serpico von Feudi di San Gregorio zeigt, wie kraftvoll und dicht die Sorte auch außerhalb der DOCG-Zone ausfallen kann. Der Aglianico del Taburno von Fontanavecchia steht für die zweite kampanische DOCG-Herkunft der Sorte, mit vergleichbar fester Tanninstruktur. Zugänglicher zeigt sich der Aglianico DOC Rubrato von Feudi di San Gregorio, während die Tenuta Bocca di Lupo von Antinori demonstriert, wie sich die Traube in Apulien mit seidigeren Tanninen präsentiert.
Häufige Fragen
Warum wird Aglianico „Barolo des Südens“ genannt?
Der Vergleich bezieht sich auf die Struktur des Weins: hohe Tanninwerte, lebendige Säure und ein erhebliches Reifepotenzial, wie man es sonst vor allem vom Nebbiolo aus dem Piemont kennt. Beide Sorten liefern Rotweine, die jung oft verschlossen wirken und erst nach Jahren ihre volle Komplexität zeigen.
Wo wächst Aglianico hauptsächlich?
Die wichtigsten Anbaugebiete liegen in Kampanien, insbesondere rund um Taurasi, sowie in der Basilikata am Vulkan Vulture. Auch in Apulien findet sich die Sorte, dort oft in Cuvées oder als eigenständige Abfüllung.
Ist Aglianico ein Wein für den sofortigen Genuss?
Einfachere Abfüllungen ohne langen Fassausbau lassen sich bereits jung trinken und zeigen dann vor allem fruchtige, würzige Aromen. Die hochwertigeren, oft als Taurasi klassifizierten Weine benötigen dagegen mehrere Jahre Flaschenreife, um ihre Tannine zu integrieren.
Was unterscheidet Taurasi von einfachem Aglianico DOC?
Taurasi ist eine eigene DOCG-Zone innerhalb Kampaniens mit strengeren Vorgaben bei Ertrag und Ausbau, während einfacher Aglianico DOC oder IGT breiter gefasst ist. Taurasi-Weine gelten als die strukturiertesten und langlebigsten Vertreter der Sorte.
Ein Beitrag aus dem Weinkeller von Vinothekar.de. Fragen zu einem Wein? Wir beraten Sie gern persönlich.


