Regionen 4 Minuten Lesezeit
Kremstal und Kamptal: Österreichs Rieslingregionen neben der Wachau
Wer österreichischen Riesling nur aus der Wachau kennt, übersieht zwei Nachbarregionen mit eigenem Profil: Kremstal und Kamptal an der Donau.
Entlang der Donau westlich von Wien liegt eines der bekanntesten Weinbaugebiete Österreichs: die Wachau. Ihr Ruf für Riesling und Grüner Veltliner ist international gefestigt. Direkt angrenzend, oft nur durch eine Gemeindegrenze getrennt, liegen Kremstal und Kamptal – zwei Gebiete, die önologisch auf Augenhöhe mit ihrem berühmten Nachbarn stehen, aber deutlich seltener genannt werden.
Geografische Nähe, unterschiedliche Wahrnehmung
Das Kremstal beginnt dort, wo die Wachau endet, rund um die Stadt Krems. Das Kamptal schließt sich nördlich entlang des Flusses Kamp an, eines Nebenflusses der Donau. Beide Gebiete profitieren vom selben klimatischen Grundmuster wie die Wachau: warme, oft trockene Tage im Sommer treffen auf kühle Nächte, die durch die Donau und die Ausläufer des Waldviertels begünstigt werden. Diese Temperaturschwankungen sind entscheidend für die Aromenbildung und den Erhalt der Säure im Riesling. Dass Kremstal und Kamptal im Bewusstsein vieler Weintrinker hinter der Wachau zurückstehen, liegt weniger an der Weinqualität als an der historisch gewachsenen Markenstärke des Nachbargebiets.
Böden als Schlüssel zum Stil
Die Bodenvielfalt beider Regionen ist beachtlich. Im Kamptal dominiert im westlichen Teil, etwa rund um Langenlois, Löss – ein feinkörniger, wärmespeichernder Boden, der Weine mit Fülle und weicherer Säure hervorbringt. Weiter östlich, in Richtung Kammern und Gobelsburg, treten Urgesteinsböden wie Gneis und Glimmerschiefer zutage. Diese kargen, mineralischen Böden ergeben Rieslinge mit strafferer Struktur und deutlicherer Mineralik. Das Kremstal zeigt eine ähnliche Zweiteilung: Lössterrassen wechseln sich mit Konglomeratböden ab, den sogenannten Kremser Sand- und Schotterablagerungen, die dem Wein oft eine kühlere, geradlinigere Note verleihen. Diese kleinräumige Bodenvielfalt auf engstem Raum ist einer der Gründe, warum sich innerhalb weniger Kilometer sehr unterschiedliche Rieslingstile finden lassen.
DAC-System statt Wachau-Klassifizierung
Ein wesentlicher Unterschied zur Wachau liegt im rechtlichen Rahmen. Die Wachau hat mit der Vinea Wachau ein eigenes Klassifizierungssystem mit den Stufen Steinfeder, Federspiel und Smaragd geschaffen, das strenge Vorgaben zu Lesezeitpunkt und Alkoholgehalt macht. Kremstal und Kamptal folgen stattdessen dem österreichischen DAC-System (Districtus Austriae Controllatus), das eine dreistufige Herkunftspyramide vorsieht: Gebietswein, Ortswein und Riedenwein, wobei Letzterer aus einer einzelnen, namentlich genannten Lage stammt. Dieses System ist jüngeren Datums als die Wachauer Regelung, verfolgt aber denselben Grundgedanken: je enger die Herkunft, desto höher die Anforderungen an Qualität und Lagentypizität.
Der Riesling zwischen den Gebieten
Riesling macht in beiden Regionen nur einen kleineren Anteil der Rebfläche aus, verglichen mit dem dominierenden Grünen Veltliner. Gerade deshalb konzentriert sich der Anbau meist auf die besten, meist steileren oder steinigeren Lagen, in denen die Rebsorte ihr Potenzial voll entfalten kann. Die Weine zeigen häufig eine Kombination aus reifer Frucht und klarer, teils steiniger Mineralik, getragen von einer lebendigen Säurestruktur. Diese Eigenschaften erklären, warum Riesling aus Kremstal und Kamptal in Blindverkostungen regelmäßig neben Wachauer Weinen bestehen kann, ohne deren Preisniveau zu erreichen.
Weißwein als gemeinsame Klammer
Auch wenn der Beitrag sich auf Riesling konzentriert, lohnt ein Blick auf verwandte Weißweinstile, die ähnliche Prinzipien von Frische und Struktur zeigen. Aromatische, aber trocken ausgebaute Weißweine aus anderen Regionen können ein Gefühl für die stilistische Bandbreite vermitteln, die auch österreichischer Riesling erreichen kann – von zurückhaltend mineralisch bis fruchtbetont und dicht.
Aus dem Sortiment
Wer sich dem Thema über verwandte Weißweinstile nähern möchte, findet im Sortiment mehrere Vergleichspunkte. Der Roero Arneis 'Camestrì' von Marco Porello zeigt, wie ein Weißwein trotz Fülle und Schmelz eine feine Mineralität bewahren kann – eine Eigenschaft, die auch gute Kremstal- und Kamptal-Rieslinge auszeichnet. Der Pecorino von Tenuta Ulisse und der Bianco Veneto "Superfluo" von Pasqua zeigen, wie unterschiedlich aromatische Weißweine mit Frucht und Struktur umgehen können, auch wenn beide stilistisch weiter von Riesling entfernt liegen. Für einen Vergleich mit kräftigeren, rotfruchtigen Weinen aus anderen Regionen bietet sich der Primitivo von Tenuta Ulisse an, der ein völlig anderes, aber ebenso klar definiertes Terroir-Profil zeigt.
Häufige Fragen
Was unterscheidet Kremstal und Kamptal von der Wachau?
Die Wachau erlaubt aufgrund eigener Herkunftsregeln keine Chaptalisierung und kennt die Klassifizierung Steinfeder, Federspiel und Smaragd. Kremstal und Kamptal folgen dem DAC-System mit den Stufen Gebietswein, Ortswein und Riedenwein. Stilistisch stehen die Weine der Wachau oft nahe, unterscheiden sich aber in der rechtlichen Einordnung.
Welche Böden prägen die beiden Gebiete?
Im Kamptal überwiegt im Westen Löss, im Osten treten Urgesteinsböden wie Gneis und Glimmerschiefer auf. Im Kremstal wechseln sich Löss, Lehm und Konglomeratböden ab, die als Kremser Sand- und Schotterablagerungen bekannt sind. Diese Bodenvielfalt auf engem Raum erklärt die stilistische Bandbreite der Rieslinge.
Warum gelten die Gebiete als unterschätzt?
Die Wachau hat international einen bekannteren Namen und höhere Preise, obwohl Kremstal und Kamptal Weine vergleichbarer Qualität hervorbringen. Beide Regionen liegen unmittelbar an der Donau und teilen sich das gleiche Klima mit kühlen Nächten und warmen Tagen. Der geringere Bekanntheitsgrad wirkt sich oft günstig auf das Preis-Leistungs-Verhältnis aus.
Passt Riesling aus dieser Region zu Speisen?
Trockener Riesling mit klarer Säurestruktur eignet sich gut zu Fisch, hellem Fleisch und Gerichten mit Kräutern. Die mineralische Seite der Weine harmoniert außerdem mit einfachen, nicht zu würzigen Vorspeisen.
Ein Beitrag aus dem Weinkeller von Vinothekar.de. Fragen zu einem Wein? Wir beraten Sie gern persönlich.


