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Rebsorten 3 Minuten Lesezeit

Kerner und Müller-Thurgau: Neuzüchtungen, die geblieben sind

Zwei deutsche Kreuzungen aus dem frühen 20. Jahrhundert haben sich gegen viele Modeerscheinungen behauptet und stehen heute für einen eigenen, unverkennbaren Stil.

Kaum ein Rebsortenpaar zeigt so deutlich, wie planvolle Züchtung den Weinbau verändern kann, wie Kerner und Müller-Thurgau. Beide entstanden nicht durch Zufall im Weinberg, sondern durch gezielte Kreuzung, beide sollten Eigenschaften etablierter Sorten mit größerer Anpassungsfähigkeit verbinden. Während viele andere Neuzüchtungen des 20. Jahrhunderts wieder aus den Weinbergen verschwunden sind, haben sich diese beiden gehalten und einen eigenen Platz im Sortenspektrum gefunden.

Der Ursprung: Züchtung mit Zielrichtung

Kerner wurde 1929 in Weinsberg gekreuzt, aus Trollinger und Riesling. Ziel war eine Sorte, die die feine Aromatik und Säurestruktur des Rieslings mit der Widerstandsfähigkeit und Spätfrosttoleranz des Trollingers verbindet. Benannt wurde sie nach Justinus Kerner, einem schwäbischen Arzt und Dichter des 19. Jahrhunderts, was zur Herkunft aus Weinsberg passt, wo diese Züchtungsarbeit stattfand.

Müller-Thurgau ist älter und geht auf den Schweizer Botaniker Hermann Müller zurück, der aus dem Kanton Thurgau stammte. Lange wurde angenommen, die Sorte sei eine Kreuzung aus Riesling und Silvaner. Genetische Untersuchungen haben diese Annahme widerlegt: Die Mutter ist tatsächlich Riesling, der Vater jedoch eine andere Sorte. Trotz dieser Korrektur bleibt der ursprüngliche Zuchtgedanke erkennbar – eine Sorte, die früher reift als Riesling und dabei weniger anspruchsvoll an Lage und Klima ist.

Warum sich beide Sorten durchgesetzt haben

Der Erfolg beider Kreuzungen liegt in ihrer Zuverlässigkeit. Müller-Thurgau reift früh, was ihr Anbaugebiete erschließt, in denen spätere Sorten nicht sicher ausreifen. Kerner zeigt eine robuste Widerstandsfähigkeit gegenüber Frost und lässt sich in unterschiedlichen Böden und Höhenlagen kultivieren. Beide Eigenschaften waren im 20. Jahrhundert gefragt, als der Weinbau nach Sorten suchte, die zuverlässige Erträge bei überschaubarem Risiko liefern.

Diese praktischen Vorzüge allein hätten jedoch nicht ausgereicht, um die Sorten über Jahrzehnte im Sortiment zu halten. Entscheidend war, dass beide auch geschmacklich überzeugen konnten – nicht als Ersatz für Riesling, sondern mit eigenem Profil.

Kerner: Struktur mit floraler Note

Kerner zeigt häufig eine aromatische Nase mit Anklängen an Muskat, Aprikose und Pfirsich, ergänzt durch florale Nuancen. Am Gaumen verbindet sich das mit einer lebendigen Säure und mittlerem Körper, was der Sorte eine gewisse Frische verleiht, ohne dass sie schwer wirkt. Diese Balance macht Kerner zu einer Sorte, die sowohl als eigenständiger Wein wie auch in Cuvées funktioniert.

Besonders in Südtirol, speziell im Eisacktal, hat Kerner eine Heimat gefunden, in der er regelmäßig als DOC-Wein ausgebaut wird. Die dortigen Höhenlagen und die kühleren Nächte kommen der Sorte entgegen und lassen die Aromatik klar hervortreten.

Müller-Thurgau: unkompliziert und vielseitig einsetzbar

Müller-Thurgau gilt vielfach als unkomplizierter Weißwein, was nicht mit Anspruchslosigkeit verwechselt werden sollte. Die Sorte zeigt oft florale Töne, etwa Apfelblüte, kombiniert mit zart fruchtigen Noten. Ihre moderate Säure macht sie zugänglich und erklärt, warum sie in Deutschland zu einer der meistangebauten Weißweinsorten wurde.

Gerade in Cuvées entfaltet Müller-Thurgau ihre Stärke: Sie liefert einen fruchtigen, floralen Grundton, der sich gut mit anderen Sorten ergänzen lässt, ohne den Gesamtcharakter zu dominieren.

Aus dem Sortiment

Wie facettenreich Kerner sein kann, zeigen mehrere Südtiroler Interpretationen im Sortiment: die Kerner DOC von Manni Nössing, Klaus Lentsch, Niklaserhof, Weingut Griesserhof und Kellerei Bozen präsentieren jeweils eigene Nuancen der typischen Muskat- und Steinfruchtaromatik bei lebendiger Säure. Die Inge Weiss QbA aus Rheinhessen zeigt dagegen, wie Müller-Thurgau gemeinsam mit Kerner, Chardonnay und Weißburgunder in einer Cuvée zusammenwirkt und florale Apfelblüten-Noten mit gelbfruchtigen Akzenten verbindet.

Häufige Fragen

Ist Kerner eine Kreuzung aus Riesling und Trollinger?

Ja, Kerner entstand aus der Kreuzung von Trollinger (Schiava Grossa) und Riesling. Benannt wurde die Sorte nach dem schwäbischen Arzt und Dichter Justinus Kerner.

Ist Müller-Thurgau eine Kreuzung aus Riesling und Silvaner?

Lange galt diese Herkunft als gesichert, DNA-Analysen haben sie inzwischen widerlegt. Als Vater gilt heute mit hoher Wahrscheinlichkeit eine andere Rebsorte, die Mutter ist der Riesling.

Warum werden Kerner und Müller-Thurgau als Neuzüchtungen bezeichnet, obwohl es sie schon lange gibt?

Der Begriff bezeichnet keine neuen Sorten im Sinne von aktuell, sondern gezielt gekreuzte Rebsorten im Unterschied zu traditionellen, historisch gewachsenen Sorten wie Riesling oder Silvaner. Beide Kreuzungen sind über hundert Jahre alt.

In welchen Regionen sind die beiden Sorten heute besonders verbreitet?

Müller-Thurgau ist vor allem in Deutschland weit verbreitet und in einigen Anbaugebieten die meistangebaute Weißweinsorte. Kerner findet sich unter anderem in Württemberg, der Pfalz und in Südtirol, wo er im Eisacktal eine wichtige Rolle spielt.

Ein Beitrag aus dem Weinkeller von Vinothekar.de. Fragen zu einem Wein? Wir beraten Sie gern persönlich.

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