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Ganze Traube oder nur der Saft? Wie Stiele den Rotwein formen
Ob ein Winzer die Trauben vor der Gärung entrappt oder ganze Trauben samt Stielen vergärt, entscheidet über Tannin, Frische und Charakter des fertigen Weins.
Bei der Weinbereitung entscheidet sich früh eine grundlegende Frage: Kommen die Trauben komplett mit Stielen, Kämmen und Beeren in den Gärbehälter, oder werden sie vorher entrappt, sodass nur die reinen Beeren vergoren werden? Diese scheinbar technische Entscheidung hat spürbare Folgen für Tannin, Frische und Aromatik eines Rotweins und gehört zu den stilprägenden Weichenstellungen im Keller.
Was Stiele chemisch mitbringen
Die Stiele einer Traube, auch Kämme oder Rappen genannt, bestehen aus pflanzlichem Fasermaterial und enthalten eigene Gerbstoffe, sogenannte Tannine. Diese unterscheiden sich von den Tanninen aus Traubenschalen und Kernen: Stieltannine wirken oft trockener, krautiger und können, wenn die Stiele nicht vollständig reif sind, grüne, herbe Noten in den Wein bringen. Zusätzlich enthalten Stiele Kalium, das während der Maischestandzeit an den Most abgegeben wird und die Säure des Weins leicht senken kann. Wer ganze Trauben vergärt, nimmt diese Effekte bewusst in Kauf oder nutzt sie gezielt für mehr Struktur.
Entrappen: der gängige Standardweg
In den meisten modernen Kellereien werden Trauben nach der Ernte entrappt. Eine Rüttelmaschine trennt die Beeren von den Kämmen, sodass nur reines Traubenfleisch samt Schale und Kern in die Gärung geht. Dieser Weg gilt als sicherer Standard, weil er unerwünschte grüne oder bittere Noten vermeidet und dem Winzer mehr Kontrolle über die Tanninmenge gibt. Weine wie der Barbera d'Alba von Costa di Bussia zeigen, wie durch entrapptes Material eine klare, geradlinige Fruchtstruktur mit harmonischen Tanninen entstehen kann, ohne dass pflanzliche Bitterstoffe die saftige Kirscharomatik überlagern.
Ganze Trauben: Tradition und gezielter Stileinsatz
Manche Winzer lassen bewusst einen Teil oder die gesamte Traube inklusive Stielen in den Gärbehälter, eine Methode, die in Frankreich für Beaujolais-Weine bekannt wurde, aber auch in anderen Regionen ihre Anwendung findet, etwa bei Nebbiolo im Piemont. Ganze Trauben bringen mehr Struktur und oft eine leicht würzige, manchmal florale Komplexität mit sich. Beim Langhe DOC Nebbiolo von Marco Porello etwa treten neben Waldfrüchten auch florale Noten nach Veilchen und feine Röstnoten hervor, ein Aromenspektrum, das durch einen entsprechenden Ausbau zusätzlich an Tiefe gewinnen kann. Voraussetzung für diesen Weg ist stets reifes Stielmaterial, denn unreife, grüne Stiele würden unangenehme bittere und vegetabile Töne hinterlassen.
Teilweise Stielkontakt als Kompromiss
Zwischen den beiden Extremen liegt eine dritte Praxis: der teilweise Stielkontakt. Hier entrappt der Winzer die Trauben zunächst, gibt aber einen bestimmten Prozentsatz der Stiele wieder zur Maische hinzu, oft zwischen fünf und dreißig Prozent, abhängig vom Jahrgang und der gewünschten Stilistik. Diese Methode erlaubt eine feinere Dosierung als das vollständige Belassen aller Kämme und wird gerade bei Rebsorten mit intensiver, konzentrierter Frucht genutzt, um zusätzliche Frische und Struktur einzubringen, ohne den Wein zu stark zu verändern. Rebsorten wie Grenache, die von Natur aus zu weichen, manchmal etwas kurzen Tanninen tendieren, profitieren von einem solchen zusätzlichen Gerüst, wie es beim Spice Route Bushvine Grenache mit seinen feinen Tanninen und der guten Säure erkennbar wird.
Auswirkungen auf Farbe, Duft und Lagerpotenzial
Neben der Tanninstruktur beeinflusst der Stielkontakt auch die Farbe und das Aromaprofil eines Weins. Stiele können während der Maischestandzeit etwas Farbe binden, sodass ganze Trauben mitunter zu einer leicht helleren Farbintensität führen als reine Beerenmaische. Gleichzeitig sorgt die zusätzliche Tanninstruktur oft für ein größeres Reifepotenzial, da Tannine als natürliche Konservierungsstoffe wirken und den Wein über Jahre stabil halten können. Weine mit kräftiger, konzentrierter Frucht wie der Primitivo von Tenuta Ulisse zeigen, wie auch ohne intensiven Stielkontakt durch reife Tannine aus Schale und Kern bereits ein kraftvolles, vollmundiges Profil mit gutem Alterungspotenzial entstehen kann. Die Entscheidung für oder gegen Stielkontakt bleibt daher stets eine von mehreren Stellschrauben, die der Winzer je nach Rebsorte, Jahrgang und Zielstil einsetzt.
Aus dem Sortiment
Der Barbera d'Alba DOC von Costa di Bussia zeigt exemplarisch, wie entrapptes Traubenmaterial zu einer klaren, saftigen Struktur ohne pflanzliche Härte führt. Der Langhe DOC Nebbiolo von Marco Porello steht für eine Rebsorte, die traditionell von zusätzlicher Stielstruktur profitieren kann, erkennbar an seiner floralen und würzigen Komplexität. Der Spice Route Bushvine Grenache aus Südafrika verdeutlicht, wie ein gezielter Stielanteil die von Natur aus weichere Tanninstruktur der Grenache-Rebe stützen kann. Der ULISSE Primitivo aus den Abruzzen wiederum zeigt, dass auch ohne intensiven Stielkontakt allein aus reifer Frucht ein kraftvoller, tanninreicher Wein mit gutem Lagerpotenzial entstehen kann.
Häufige Fragen
Was bedeutet Entrappen genau?
Entrappen bezeichnet das Trennen der Trauben von ihren Stielen, meist maschinell mit einer Rüttelvorrichtung, direkt nach der Ernte. Nur die Beeren wandern anschließend in den Gärbehälter, die holzigen Kämme werden entfernt.
Verändert sich der Alkoholgehalt durch Stiele?
Nicht direkt, da Stiele kaum Zucker enthalten und daher die Gärung selbst wenig beeinflussen. Ihr Effekt liegt vor allem in Gerbstoffen, Aromatik und einer möglichen Verdünnung durch aufgenommene Flüssigkeit.
Gibt es Rebsorten, die besonders oft ganze Trauben vergoren werden?
Nebbiolo, Grenache und Pinot Noir gehören zu den Sorten, bei denen ganze Trauben oder hohe Stielanteile traditionell häufiger vorkommen, weil ihre Struktur davon profitieren kann. Die Entscheidung bleibt aber immer eine individuelle Wahl des Winzers je nach Jahrgang und Stilziel.
Sind Weine mit Stielkontakt automatisch tanninreicher?
Tendenziell ja, doch reife, weiche Stiele wirken milder als grüne, unreife. Die Wirkung hängt stark vom Reifegrad der Kämme und der gewählten Kontaktdauer ab.
Ein Beitrag aus dem Weinkeller von Vinothekar.de. Fragen zu einem Wein? Wir beraten Sie gern persönlich.


