Warenkorb

Weinkunde 4 Minuten Lesezeit

Roséwein: Herstellung und ein hartnäckiger Irrtum

Roséwein gilt vielen als bloße Mischung aus Rot- und Weißwein. Tatsächlich verdankt er seine Farbe und seinen Stil einem eigenständigen Herstellungsweg.

Kaum ein Wein wird so hartnäckig missverstanden wie Rosé. Viele halten ihn für eine simple Mischung aus Rot- und Weißwein, gewissermaßen für den Kompromiss zwischen beiden Welten. Tatsächlich entsteht Roséwein in den allermeisten Fällen aus roten Trauben allein, und der Weg dorthin verlangt handwerkliches Geschick. Wer versteht, wie die Farbe in den Wein kommt, versteht auch, warum Rosé ein eigenständiger Stil ist und kein Verlegenheitsprodukt.

Warum die Schale über die Farbe entscheidet

Der Irrtum, Rosé sei verschnitten, beruht auf einem Missverständnis über die Herkunft der Farbe im Wein. Bei roten Trauben sitzen die Farbstoffe, die Anthocyane, fast ausschließlich in der Schale. Das Fruchtfleisch darunter ist bei den meisten Rebsorten hell und saftig, ähnlich wie bei weißen Trauben. Presst man rote Trauben sofort und trennt den Saft von den Schalen, entsteht ein heller, fast farbloser Most, aus dem theoretisch auch ein weißer Wein werden könnte. Die Farbe eines Rotweins entsteht erst dadurch, dass der Most über Tage oder Wochen mit den Schalen in Kontakt bleibt und dabei Farb- und Gerbstoffe aufnimmt. Rosé nutzt genau diesen Mechanismus, nur in stark verkürzter und kontrollierter Form.

Direktpressung: der klassische Weg zum Rosé

Das gebräuchlichste Verfahren ist die Direktpressung. Rote Trauben werden gelesen und meist für wenige Stunden angemaischt, bevor sie sanft gepresst werden. Je nach gewünschter Farbtiefe kann dieser Schalenkontakt kürzer oder etwas länger ausfallen, oft nur einige Stunden. Der gewonnene Most wird anschließend wie ein Weißwein kühl und unter Ausschluss der Schalen vergoren. Dieses Verfahren erlaubt eine sehr genaue Steuerung von Farbe, Struktur und Aromatik und liefert in der Regel die frischesten, elegantesten Roséweine. Viele der blassen, oft als "provenzalisch" bezeichneten Roséstile entstehen auf diese Weise.

Die Saignée-Methode als zweiter Weg

Ein anderes Verfahren ist die Saignée-Methode, auf Deutsch etwa "Abbluten". Hier wird zunächst wie bei der Rotweinherstellung eine Maische aus roten Trauben angesetzt. Nach kurzer Standzeit zieht man einen Teil des Safts ab, bevor dieser die volle Farbtiefe und Tanninstruktur eines Rotweins erreicht hat. Der abgezogene Saft vergärt separat zu Rosé, während die verbleibende Maische konzentrierter und farbintensiver zu Rotwein ausgebaut wird. Die Saignée-Methode liefert häufig kräftigere, farbintensivere Roséweine mit etwas mehr Körper und Struktur als die Direktpressung, da der Schalenkontakt hier tendenziell intensiver und weniger präzise steuerbar ist.

Warum echtes Verschneiden die Ausnahme bleibt

Das Mischen von fertigem Rotwein mit fertigem Weißwein zur Erzeugung von Rosé ist in den meisten europäischen Anbaugebieten für Stillwein ausdrücklich nicht gestattet. Eine bekannte Ausnahme bildet die Herstellung von rosé Champagner, wo dieses Verfahren traditionell erlaubt ist und dort auch praktiziert wird. Für die überwiegende Mehrheit der Roséweine weltweit gilt jedoch: Sie entstehen aus roten Trauben über Direktpressung oder Saignée, nicht durch das Zusammenschütten zweier fertiger Weine. Diese Unterscheidung ist mehr als eine formale Regel, sie erklärt auch, warum gute Roséweine eine eigene sensorische Handschrift haben, die sich weder aus Rotwein noch aus Weißwein einfach ableiten lässt.

Stilvielfalt zwischen blass und kräftig

Die Bandbreite an Roséstilen ist groß und hängt stark von Rebsorte, Kontaktzeit und Ausbau ab. Helle, zurückhaltende Rosés mit feiner Frucht und lebendiger Säure stehen kräftigeren, farbintensiveren Varianten mit mehr Körper und würzigen Anklängen gegenüber. Auch die Rebsortenwahl prägt das Ergebnis erheblich: Sorten wie Grenache, Cinsault oder Grolleau liefern klassischerweise fruchtbetonte, florale Roséweine, während Sorten wie Syrah oder Lagrein tendenziell mehr Struktur und Würze einbringen können. Die Restsüße reicht von völlig trocken bis halbtrocken oder lieblich, was die Einsatzmöglichkeiten am Tisch zusätzlich erweitert.

Aus dem Sortiment

Wie unterschiedlich das Ergebnis je nach Herkunft und Rebsortenmix ausfallen kann, zeigt ein Blick ins Sortiment. Die Villa Magalone Coteaux d'Aix-en-Provence Rosé AOP aus Syrah, Cinsault und Grenache Noir steht für den hellen, floralen Provence-Stil. Der Domaine de l'Olivier Côtes du Rhône Rosé AOP aus Cinsault und Grenache Noir zeigt, wie diese Rebsorten auch etwas südlicher interpretiert werden. Der Vernatsch Rosé "Fresc" von Weingut Obermoser demonstriert die Direktpressung mit einer autochthonen Südtiroler Rebsorte, während die Rosé Cuvée der Kellerei Nals Margreid aus Lagrein, Merlot und Pinot Noir eine mehrsortige Komposition mit etwas mehr Struktur bietet.

Häufige Fragen

Ist Roséwein eine Mischung aus Rotwein und Weißwein?

In den meisten Weinbauregionen ist das Verschneiden von fertigem Rotwein und Weißwein zu Rosé nicht erlaubt. Ausnahme ist die Herstellung von rosé Champagner, wo dieses Verfahren traditionell zulässig ist. Regulärer Roséwein entsteht stattdessen durch einen eigenen Verfahrensweg mit roten Trauben.

Warum ist Rosé heller als Rotwein, obwohl dieselben Trauben verwendet werden?

Die Farbe von Rotwein stammt aus den Schalen der Trauben, nicht aus dem Fruchtfleisch, das bei den meisten Sorten hell ist. Beim Rosé bleibt der Most nur kurze Zeit mit den Schalen in Kontakt, sodass deutlich weniger Farbstoffe und Gerbstoffe übergehen als bei der langen Maischestandzeit für Rotwein.

Was unterscheidet die Direktpressung von der Saignée-Methode?

Bei der Direktpressung werden rote Trauben nach kurzem Schalenkontakt sofort sanft gepresst, der Most vergärt dann wie bei Weißwein. Bei der Saignée-Methode wird ein Teil des Safts aus einem Rotweinansatz früh abgezogen, um gleichzeitig konzentrierteren Rotwein und einen Rosé als Nebenprodukt zu erhalten.

Ein Beitrag aus dem Weinkeller von Vinothekar.de. Fragen zu einem Wein? Wir beraten Sie gern persönlich.

Weiterlesen

Alle Beiträge
Versandkostenfrei ab 150 €Lieferung in 2–4 Werktagen
3.838 ProdukteWein, Feinkost & Spirituosen
Persönliche BeratungWeinberatung von W. Zeiser
Sichere ZahlungStripe & PayPal